
Es war ein im wahrsten Sinne des Wortes abgefahrenes Wochenende. Ja, so übertrieben sich das anhört. Es war ein Wochenende mit Walter Röhrl, dem Röhrl! Ich bin begeistert. Meine Brüder natürlich nicht – sie saßen daheim und durften an mich denken.

Ein Laie erlebt bei einem Porsche-Winterfahrsicherheitstraining sein großes Abteneuer – aber die Blamage vor erfahrenen Tesfahrern ist ihm gewiss. Dachte ich. Dann bin ich meiner Freundin fremd gegangen: mit dem Carrera 4S. Sorry, es war Liebe auf den ersten Metern.
Die Porscheleute haben es tatsächlich geschafft, Rallye-Legende Walter Röhrl zu diesem Autojournalistentreff im Salzburger Land einzuladen. Als er in seinen silbernen Carrera 4S steigt, den er spät in der Nacht perfekt auf den Hotelparkplatz geparkt hat, ist meine Angst gewaltig. Ich wusste, dass Röhrl groß ist, aber das er so groß ist – nein, das hätte ich nicht gedacht. Sind es zwei Meter? Oder sind es nur 1,90 Meter, die ich aus Ehrfurcht um zehn Zentimeter aufschlage? Er wird mich auslachen, wenn er mich auf dem Übungsgelände fahren sieht. Da bin ich mir sicher.

Noch dazu kommt, dass der Schriftzug „SAU“ in großen, zeigefingerbreiten Lettern auf dem Heck seines Carreras steht. Das muss irgendein Bengel mit zu viel Leichtsinn gewesen sein. So ein mit Schneematsch verdrecktes Carreraheck verführt aber auch zu einem solchen Kommentar. Das hat natürlich nichts mit dem Fahrstil des Besitzers zu tun, rein gar nichts. Also bitte. Oder hat es vielleicht doch damit zu tun? Röhrl fährt nicht wie eine Sau, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn, dann muss eine Art sicheres Rasen sein.
Röhren mit Röhl – darauf steht jeder Reporter. Wie er da mit seinen Wildlederstiefel auf dem gefrorenen Schnee steht.
Es geht bei einem Winterfahrtraining nicht darum, schnell zu fahren. Es geht darum, sicher zu fahren. Darum, in Extremsituationen richtig reagieren zu können, um reflexartiges Gegenlenken zu lernen. Gute Fahrer können das, rasen kann jeder. Gerade in einem Auto wie dem 4S. Allradantrieb gibt einem von Grund auf ein sicheres Gefühl, das verführt noch eher. Wir haben alles trainiert:

Slalom:
Der Schnee knirscht und bricht, er spritzt in die Luft wie das Gras bei offenem Rasen mähen. Aber dank des Slalomfahrens bekomme ich erst ein Gefühl für dieses Auto. Das PSM ist aktiviert, und trotzdem muss ich aufpassen – bloß nicht überlenken.
Driften:
Das PSM schalte ich aus, damit ich im Kreisel leichter ausbreche. Und immer schön schnell gegenlenken, Röhrl sieht alles, er ist mit uns über ein Funkgerät in Kontakt. Ich strenge mich an wie noch nie beim Autofahren. Vielleicht lacht er mich ja doch nicht aus, vielleicht entdeckt er mich, er hat doch selber spät angefangen. Und tatsächlich: Er lobt mich. Ja, garantiert, er hat mich gemeint: „Schön reagiert“, sagte er. Gebracht hat’s mir auch was: Auf der Straße bin ich jetzt vielleicht sicherer, sollte sich mir das Heck tatsächlich mal von hinten davonschleichen wollen. Bei dieser Übung merkt man erst, welchen Effekt das PSM hat – lässt man es im Kreisel an, hat man keine Chance, zum Driftspaß zu kommen.
Vollbremsung:
So wenig lenken wie möglich. Wenn einem Walter Röhrl was einbläut, dann das. Für eine gute Vollbremsung ist das enorm wichtig. Es entscheidet darüber, ob man ohne Schramme am verunfallten Auto vor einem vorbeifahren kann und auch am Gegenverkehr vorbeikommt. Was ein Fahrgefühl, man schlittert da über den Schnee, und hat die volle Kontrolle. Die meisten bremsen zu spät und lenken zu viel – ich natürlich nicht
Handlingkurs:
Das ist die Belohnung für das viele Üben. Ich reize das aus bis zum Ende, aus dem Auspuff qualmt es selbst beim Stehen, der hochgespritzte Schnee schmilzt auf dem heißen Metall. Und das Beste an diesem Handlingkurs ist: Plötzlich ist Walter Röhrl mein Beifahrer. Er heizt mit mir um den Kurs, und ich fahre. Das muss man sich mal vorstellen. Ich gebe alles, ich zwinge mich dazu. Röhrl gefällt es, jedenfalls lacht er nicht, und er gibt mir einen netten Tipp zwischendrin, ich bin ja selbstkritisch: Nicht so früh in die Kurve. Na, wenn das alles ist.

Wenn Walter Röhrl mal zu mir nach Hause kommen sollte, lade ich ihn zu einem Schnapserl ein. Den trinkt er gerne mal am Abend, am liebsten Beerenschnaps. So was muss man sich merken, im richtigen Moment könnte einem das was bringen. Auf der Autobahn zurück nach Deutschland bin ich noch eine Weile neben ihm her gefahren, und als er irgendwo Richtung Bayern abzweigt, ziehe ich an ihm vorbei, mit 130 auf dem Tacho! Jawoll, ich habe Röhrl überholt, ja, den Röhrl! Das Dumme ist nur: Hundert Meter weiter vorne winkt mich die Polizei auf die Seite. 30 Euro wollen sie, es sei hier auf 100 begrenzt. Das ist kein Scherz. Aber es ist mir egal. Ich meine, wer kann schon von sich sagen, er hätte Röhrl überholt.






